Die Ehe

“Überlebte Form”, “Knebelungsvertrag”, rein private und weltliche Angelegenheit – solche Urteile über die Ehe sind immer wieder zu hören. Die Zahl der Hochzeiten nimmt ab, die der Scheidungen zu. Und doch zeigt jede Erhebung, dass der Wunsch nach beständiger, treuer und lebenslanger Liebe ersehnt wird wie eh und je.

Ihr könnt wirklich lieben

Die Liebe ist kein leerer Wahn, kein überzogenes Ideal. Die Botschaft Jesu an uns lautet, dass Gott uns liebt und uns zur Liebe befähigt (im Übrigen sind alle Sakramente Ausdruck der Liebe Gottes und seiner Hilfe für unsere Liebe).

Im Sakrament der Ehe leuchtet das unmittelbar ein. Der Segen Gottes, seine unverbrüchliche Treue und die Unbedingtheit der lebendigen Bindung zwischen Mann und Frau werden von der kirchlichen Trauung, also der sakramentalen Ehe erhofft.

Die Ehe in der Ordnung der Schöpfung

Gott hat uns Menschen als Mann und Frau erschaffen – ihm ähnlich, der die Liebe ist. Von Anfang der Menschheit an konkretisiert sich diese Liebe gerade auch in der unbedingten Gemeinschaft von Mann und Frau. Die Ehe hat im Laufe der Geschichte verschiedene Ausprägungen erfahren. Immer aber ist die lebenslange liebende Gemeinschaft eines Mannes mit einer Frau das Ideal – selbst Religionen, die andere Formen kennen, betrachten diese als Notlösungen.

Aber ist dieses hohe Ideal nicht doch überzogen? Ist die Verpflichtung auf ein übermenschliches Ziel nicht eine unmenschliche Belastung?

Die Ehe als Sakrament

Würde uns Gott mit unseren großen Wünschen allein lassen, wären wir tatsächlich zum Scheitern verurteilt. Er hat uns aber nicht nur eine Sehnsucht ins Herz gelegt und die Fähigkeiten geschenkt, sie anzustreben. Er kommt uns auch begleitend und helfend entgegen. In Jesus Christus tritt er in die Menschheitsgeschichte ein. Höchstpersönlich kommt er in seinem Heiligen Geist in unser Leben – vermittelt gerade auch durch die Sakramente.

Einander schenken – Gott erfahren

Durch ihre gegenseitige Annahme und Hingabe im unbedingten Ja ihrer Liebe spenden Mann und Frau einander das Sakrament der Ehe (der Priester ist nach dem Verständnis der lateinischen Kirche nur der amtliche Zeuge). Sie machen dadurch Christus in ihrer Ehe gegenwärtig und werden “gleichsam geweiht” (Gaudium et Spes 48). Ihr Leben miteinander ist geheiligt, was sie aneinander tun, ist heilig – ihr intimstes Zusammensein, ihr Alltag, ihre Freuden und Sorgen, ja auch ihre Auseinandersetzungen und Konflikte; überall ist Gott als der an ihrem gemeinsamen Leben Anteilnehmende gegenwärtig. Er ermutigt, hilft und fordert heraus.

Klingt nach abgehobenem, frommem Gerede? Ist durchaus wahrnehmbar und erfahrbar! Es braucht natürlich die Bereitschaft und Offenheit, die eigene Wirklichkeit ehrlich und vorurteilslos anzuschauen und sich Zeit für die Betrachtung und den Dialog mit Gott zu nehmen.

Ehe und größere Gemeinschaft

Hilfe schenkt Gott oft durch andere Menschen. Die Ehe ist keine bloße Privatangelegenheit. Sie hat Bedeutung für die Umgebung der Partner – und für die gesamte Gesellschaft. Daher wird ihr Beginn auch in der Gemeinschaft gefeiert – als Liturgie in der Gemeinschaft der gesamten Kirche (auf Erden und im Himmel).

Die Mitfeiernden sind auch zur Mithilfe berufen. Diese leisten sie zuerst durch den Respekt, den sie der neuen Qualität des Zusammenlebens der Gatten zollen. Hilfe ist aber auch die liebevolle, nicht aufdringliche Anteilnahme am Gelingen der Beziehung. “Ihr und eure Ehe seid uns wichtig!”

Realistisches – Rechtliches

Die Gnade, die Gott im Ehesakrament schenkt, ist kein Zauber, der die Realität umdreht. Die Gnade setzt die Natur voraus. Es gibt also natürliche Voraussetzungen dafür, dass sich das Geheimnis der Liebe in einer konkreten Ehe entfalten kann.

Das Kirchenrecht versucht, diese Voraussetzungen zu fassen. Die beiden, die einander das Sakrament spenden, schließen im rechtlichen Sinn einen Vertrag. Sie bedürfen dafür der Freiheit, der Reife und Entschlussfähigkeit. Sie müssen von Charakter und Psyche her in der Lage sein, den Vertrag auch zu erfüllen. Sie müssen auch das inhaltlich Richtige wollen. Wer etwa die Treue, die Unauflöslichkeit der Ehe oder die Offenheit für Kinder von Vornherein ausschließt, will eigentlich keine Ehe und beraubt sich der Erfolgschancen. (Der Ausschluss von Kindern weist übrigens meist auf den Versuch hin, das Unverfügbare in der Beziehung auszuklammern und alles unter Kontrolle zu halten – das kann fast nur schief gehen.)
Fehlt eine dieser Voraussetzungen, kommt keine vollständige Ehe zustande, und die Kirche kann in einem rechtlichen Verfahren die Nichtigkeit (d. h. wesentliche Unvollständigkeit) dieser Ehe feststellen.

Das Sakrament bezeichnet immer das wirksame Dasein Christi und vergegenwärtigt sein Leben: Die eheliche Liebe entfaltet sich im unscheinbaren Alltag, in festlicher Freude und unter dem Kreuz von Sorge und Streit – sie erfährt aber im Herrn auch immer wieder Auferstehung.

In meiner seelsorglichen Erfahrung bin ich immer wieder überrascht, aus welch schwierigen Situationen Eheleute zu neuer Gemeinsamkeit finden, wenn sie es aufrichtig miteinander versuchen und auf Gott vertrauen. Wo dies bei bestem Bemühen nicht gelingt, fehlte fast immer eine der wesentlichen Voraussetzungen von Anbeginn.

Ich meine, die Voraussetzungen sollten noch gründlicher geprüft werden. Vor allem gilt auch für die Ehe, das Vertrauen in Gott zu stärken. Er traut uns etwas zu, wir können ihm und einander etwas zutrauen. Der treue Gott ermöglicht, fordert und fördert Beständigkeit.